top of page

Ernährung in der Schwangerschaft: Fakten oder Mythen?

  • 3. Juni
  • 5 Min. Lesezeit
Es gibt eine besondere Art von Erschöpfung, die nicht durch Schlafmangel entsteht, sondern durch die schiere Menge an Informationen. Wenn Sie schwanger sind, kennen Sie dieses Gefühl wahrscheinlich nur zu gut.
Die Schwiegermutter warnt vor Erdnüssen. Eine Kollegin erwähnt, wie wichtig Eisen sei. Drei verschiedene Apps geben Ihnen drei unterschiedliche Empfehlungen dazu, wie viel Sie essen sollten. Und im Hintergrund schwingt ständig die Sorge mit, dass jede einzelne Lebensmittelentscheidung Auswirkungen haben könnte, die Sie kaum vollständig überblicken können.
Das kann schnell überwältigend werden. Und vieles davon wäre gar nicht nötig.
Denn die Realität ist: Ein beträchtlicher Teil der Ernährungsempfehlungen, die rund um die Schwangerschaft kursieren, basiert nicht auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Manche Ratschläge sind überholt. Andere waren nie wirklich korrekt. Und einige können, wenn sie ungeprüft übernommen werden – sogar dazu führen, dass Entscheidungen getroffen werden, die Ihre Gesundheit und die Ihres Babys eher beeinträchtigen als unterstützen.
In diesem Artikel nehmen wir vier der hartnäckigsten Mythen rund um die Ernährung in der Schwangerschaft genauer unter die Lupe. Nicht, um die Informationsflut weiter zu vergrößern, sondern um Ihnen eine fundierte Orientierung zu geben und zu zeigen, was die wissenschaftliche Evidenz tatsächlich sagt.

Schwangere Frau im grünen Kleid hält ihren Bauch vor einer Holztür, ruhige, warme Stimmung.

Mythos 1: Erdnüsse in der Schwangerschaft meiden, um Allergien vorzubeugen

Kaum ein Ernährungstipp rund um die Schwangerschaft hat sich so weit verbreitet und so hartnäckig gehalten wie die Empfehlung, auf Erdnüsse zu verzichten. Die Logik dahinter erscheint zunächst plausibel: Erdnüsse gehören zu den häufigsten Allergenen. Wenn eine werdende Mutter sie meidet, müsste das Risiko sinken, dass ihr Kind später eine Allergie entwickelt.
Die aktuelle wissenschaftliche Evidenz stützt diese Annahme jedoch nicht.
Zahlreiche Studien zeigen übereinstimmend, dass der Verzicht auf potenziell allergene Lebensmittel während der Schwangerschaft keinen messbaren Schutz vor späteren Allergien beim Kind bietet. Führende Fachgesellschaften im Bereich der Allergieforschung haben sich daher längst von pauschalen Vermeidungsstrategien verabschiedet.
Die Forschung zeichnet heute ein differenzierteres Bild: Früher Kontakt mit bestimmten Lebensmitteln, auch bereits über die Ernährung der Mutter während der Schwangerschaft, könnte die Entwicklung einer natürlichen Immunitoleranz sogar fördern, anstatt Allergien zu begünstigen.

Die Empfehlung ist deshalb eindeutig: Wenn Sie selbst keine diagnostizierte Erdnussallergie haben, gibt es keinen wissenschaftlich begründeten Grund, Erdnüsse während der Schwangerschaft zu meiden. Unnötige Einschränkungen machen die Ernährung in einer ohnehin anspruchsvollen Lebensphase oft komplizierter, ohne einen erkennbaren Nutzen zu bieten, und können unter Umständen sogar die Nährstoffversorgung beeinträchtigen.
Fazit: Wenn Sie selbst nicht allergisch auf Erdnüsse reagieren, können Sie diese bedenkenlos in Ihren Speiseplan integrieren. Eine Einschränkung aus Angst vor einer Allergie, die Sie selbst nicht haben, ist nicht notwendig.

Mythos 2: Der Zeitpunkt der Empfängnis spielt keine Rolle

Dieser Mythos ist etwas komplexer, und wissenschaftlich deutlich spannender, als vielen bewusst ist.
In zahlreichen Kulturen gibt es seit Generationen die Vorstellung, dass die Jahreszeit, in der ein Kind gezeugt wird, seine spätere Gesundheit beeinflussen kann. Besonders in Regionen, in denen sich Zeiten des Überflusses und Zeiten der Knappheit deutlich abwechseln, hat dieser Gedanke eine lange Tradition. Interessanterweise beginnt die Forschung inzwischen, einige dieser Beobachtungen zu bestätigen.
Studien aus Bevölkerungsgruppen mit starken saisonalen Schwankungen der Lebensmittelverfügbarkeit zeigen, dass die Ernährungsbedingungen rund um die Empfängnis langfristige Auswirkungen auf die Gesundheit eines Kindes haben können. Die frühesten Entwicklungsphasen, oft noch bevor eine Schwangerschaft überhaupt bemerkt wird, sind biologisch besonders sensibel.
Dieses Thema betrifft jedoch nicht nur Regionen mit Nahrungsmittelknappheit. Auch in der Schweiz sowie in anderen nordeuropäischen Ländern schwankt die Vitamin-D-Versorgung im Jahresverlauf erheblich. Studien zeigen, dass niedrige Vitamin-D-Spiegel der Mutter rund um die Empfängnis und in der frühen Schwangerschaft – insbesondere während der Wintermonate, mit einer weniger günstigen Knochenentwicklung beim Kind verbunden sein können.
Gleichzeitig konnte nachgewiesen werden, dass eine gezielte Korrektur eines Vitamin-D-Mangels die Entwicklung des Kindes positiv unterstützen kann, nicht nur im Säuglingsalter, sondern bis in die spätere Kindheit hinein.
Die praktische Erkenntnis daraus ist einfach: Der Ernährungszustand vor einer Schwangerschaft ist genauso wichtig wie die Ernährung während der Schwangerschaft selbst. Die Zeit vor der Empfängnis ist kein Nebenschauplatz, sondern legt wichtige Grundlagen für die kommenden Monate. Besonders Vitamin D verdient Aufmerksamkeit, wenn Sie in der Schweiz leben und eine Schwangerschaft in den Herbst- oder Wintermonaten planen.

Mythos 3: In der Schwangerschaft isst man für zwei

Diesen Satz haben Sie wahrscheinlich schon oft gehört. Vielleicht haben Sie ihn sogar selbst einmal mit einem Lächeln gesagt, während Sie sich eine zweite Portion genommen haben.
Und die Botschaft dahinter ist durchaus nachvollziehbar: Sie bringen einen neuen Menschen zur Welt. Das verdient Fürsorge, Wertschätzung und selbstverständlich auch eine gute Ernährung.
Wörtlich genommen stimmt die Aussage jedoch nicht. Der Energiebedarf verdoppelt sich während der Schwangerschaft keineswegs. Und das zu verstehen ist wichtig – nicht, weil Schwangerschaft Verzicht bedeuten sollte, sondern weil eine realistische Einschätzung dabei hilft, den Körper optimal zu unterstützen.
Der zusätzliche Energiebedarf fällt deutlich geringer aus, als viele vermuten. Im ersten Trimester ist er praktisch vernachlässigbar. Im zweiten und dritten Trimester steigt er schrittweise an und liegt insgesamt lediglich moderat über dem individuellen Ausgangsbedarf.
Entscheidend verändert sich nicht die Menge der Nahrung, sondern deren Qualität.
Der Bedarf an bestimmten Nährstoffen steigt deutlich an – darunter Folsäure, Eisen, Jod, DHA, Vitamin D, Cholin und Calcium. Deshalb geht es weniger darum, von allem mehr zu essen, sondern vielmehr darum, regelmäßig nährstoffreiche Lebensmittel auszuwählen, die den erhöhten Bedarf sinnvoll abdecken.
Die Realität lautet nicht „für zwei essen“, sondern einen Körper gut versorgen, der gerade Außergewöhnliches leistet.

Mythos 4: Eisenpräparate beeinflussen die Hautfarbe des Babys

Dieser Mythos findet sich in verschiedenen Kulturkreisen, insbesondere in Teilen Südasiens. Er sollte klar angesprochen werden, denn die Folgen können ernst sein.
Die Annahme lautet, dass die Einnahme von Eisenpräparaten während der Schwangerschaft die spätere Hautfarbe des Kindes beeinflusst. Dafür gibt es keinerlei wissenschaftliche Grundlage.
Die Hautfarbe eines Kindes wird ausschließlich durch die genetischen Voraussetzungen bestimmt, die es von seinen Eltern erbt. Weder Eisenpräparate noch dunkle Schokolade, schwarzer Tee oder andere Lebensmittel haben darauf irgendeinen Einfluss.
Was ein Eisenmangel während der Schwangerschaft hingegen sehr wohl beeinflusst, ist die Gesundheit von Mutter und Kind.
Eisen wird für die Bildung von Hämoglobin benötigt, jenem Bestandteil der roten Blutkörperchen, der Sauerstoff im Körper transportiert. Entwickelt sich aufgrund einer unzureichenden Eisenversorgung eine Anämie, steht weniger Sauerstoff für die Versorgung des ungeborenen Kindes über die Plazenta zur Verfügung.
Das ist keineswegs unbedeutend. Eisenmangel und Anämie während der Schwangerschaft sind mit erhöhten Risiken für die Entwicklung des Kindes sowie für das Wohlbefinden und die Regeneration der Mutter verbunden.
Wenn Blutwerte auf einen Eisenmangel hinweisen oder medizinische Fachpersonen eine Supplementierung empfehlen, sollte diese Empfehlung ernst genommen werden. Kulturelle Überzeugungen oder Ernährungsmythen sollten nicht dazu führen, auf eine notwendige Versorgung zu verzichten.
Die Hautfarbe Ihres Kindes wird durch seine Gene bestimmt. Seine Entwicklung im Mutterleib wird unter anderem davon beeinflusst, wie gut Ihr Körper mit wichtigen Nährstoffen versorgt ist.

Was all diese Mythen gemeinsam haben

Keiner dieser Glaubenssätze entsteht aus böser Absicht. Sie basieren auf Traditionen, kulturellen Erfahrungen und dem Wunsch vieler Generationen von Frauen, ihre Kinder bestmöglich zu schützen.
Dieser Wunsch verdient Respekt. Gleichzeitig profitieren wir heute von wissenschaftlichen Erkenntnissen, die viele frühere Annahmen genauer einordnen können.
In meiner Arbeit mit Schwangeren beobachte ich immer wieder, dass gerade jene Mythen problematisch werden, die zu unnötigen Einschränkungen führen: Lebensmittel werden gemieden, obwohl sie sicher sind. Sinnvolle Nahrungsergänzungen werden ausgelassen. Entscheidungen werden aus Sorge getroffen, statt auf fundierten Informationen zu beruhen.
Das Ziel einer evidenzbasierten Ernährung während der Schwangerschaft besteht nicht darin, immer neue Regeln aufzustellen. Es geht vielmehr darum, überholte Empfehlungen loszulassen und durch einen klaren, alltagstauglichen und genussvollen Umgang mit Ernährung zu ersetzen.
Sie leisten bereits etwas Außergewöhnliches. Deshalb verdienen Sie Informationen, die Orientierung geben und den Alltag erleichtern, nicht zusätzliche Verunsicherung.

Quellen

Prescott SL et al., World Allergy Organization, 2013Boucher BJ, Vitamin D Status in Pregnancy and Early Life, Proceedings of the Nutrition Society, 2012Prentice AM et al., Seasonality and Early Nutrition in Africa, Public Health Nutrition, 2009World Health Organization, Nutritional Anaemia in Pregnancy, 2016


Margherita Laviani PN Level 1 Certified Nutrition Coach | Kinderwunsch, Schwangerschaft & Ernährung | Lifestyle Medicine (LMU München) | Zürich
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Fragen zu Ihrer individuellen Situation während der Schwangerschaft wenden Sie sich bitte an Ihre Ärztin, Ihren Arzt oder eine entsprechend qualifizierte Ernährungsfachperson.
 
 

Margherita Nutrition Coach

Kontakt

Email: margherita.laviani@gmail.com

Zürich, Switzerland

Screenshot 2026-03-09 at 15.53.19.png

Margherita Laviani ist eine PN Level 1 Certified Nutrition Coach. Coaching dient ausschließlich zu Bildungs- und Lifestyle-Zwecken und ersetzt keine medizinische Beratung oder Behandlung.

bottom of page